Sind Urteile immer Vorurteile?

Wie wir unsere Urteile bilden, ist ein wichtiger Prozess, den wir in der Psychiatrie verstehen müssen. Urteilsbildung sollten wir üben und kritisch hinterfragen lernen, um gute Therapeuten zu sein, aber auch um bessere Partner, bessere Eltern, und bessere Kinder, aber auch bessere Arbeitgeber und Arbeitnehmer oder Unternehmer zu sein.

Manager sind gierig, Fußballer doof und Mädchen können kein Mathe - Vorurteile prägen unser Denken. Ein kleines Detail reicht, schon geht die Schublade im Kopf auf und wir glauben einen Menschen ganz genau zu kennen. Woher kommt der Impuls, nach Stereotypen zu greifen und andere Menschen runterzumachen? Und wie gefährlich sind solche Einstellungen für die Demokratie? Europaweit gehen Rechtspopulisten mit Vorurteilen gegen Flüchtlinge auf Stimmenfang. In den USA stellt Präsident Trump Muslime pauschal unter Terrorverdacht. Entsteht vor unseren Augen eine Herrschaft des Ressentiments? Und lassen sich Vorurteile überhaupt noch wirkungsvoll bekämpfen, wenn in postfaktischen Zeiten die Grenze zwischen wahr und falsch scheinbar immer mehr verschwimmt? 1

In einem Beitrag im SWR2 Forum vom 7.2.2017, schildern verschiedene Wissenschaftler Forschung und Fakten zum Thema Vorurteil oder Ressentiments. Vorurteile, denen wir leicht erliegen können, werden Beispielhaft erwähnt. Und mein Fazit aus dem Beitrag ist für mich, dass wenn wir uns nicht breit informieren und unsere Wahrnehmung öffnen oder unterschiedliche Perspektiven einzunehmen lernen, wir den Vorurteilen unterliegen.

Wahrnehmung ist ja ein schöner Begriff, wir nehmen etwas für "Wahr", also als richtig an, wenn wir es sehen oder lesen, hören oder erzählt bekommen, fühlen und schmecken oder riechen. Dass diese Wahrnehmung jedoch immer durch unser Bewusstsein oder den Zustand unseres Hirns beeinflusst wird, ist nicht nur in der Psychiatrie bei Wahnwahrnehmungen Grundwissen.

Wir müssen uns alle bewusst sein: Wahrnehmungen sind subjektiv.

Jeder der schon einmal verliebt war, oder gehasst hat, wer auch immer schon einmal mit Drogen zu tun hatte oder übermüdet war, jeder der gefoltert wurde, kennt den Zustand, dass das als wahr Genommene nicht, oder zumindest nicht der ganzen Realität entspricht.

Es ist Realität, dass jede menschliche Wahrnehmung nur eine Teilwahrnehmung ist, eine Auswahl darstellt, die durch die Kapazität unserer Aufnahmefähigkeit, unsere Wachheit, Neurotransmitter in unserem Hirn, und durch einige andere Faktoren beeinflusst, verstärkt oder abgeschwächt, verändert, beschleunigt oder verlangsamt werden.
Jetzt kommt in unserer Wahrnehmung der Welt jenseits der direkten Umgebung noch ein weiterer Filter hinzu. Noch lange bevor der Thalamus2 die durch unsere tast- Riech- Hör- oder Sehnervenzellen gefilterten Informationseinheiten filtert. Unsere Wahrnehmung und damit auch unsere Urteilsfähigkeit werden weiter eingeschränkt wenn wir durch die Brille eines anderen oder die Filter einer Zeitung oder eines Nachrichtenredakteurs Medien blicken müssen. Schon 2011 beschrieb Eli Pariser diese Filterblase in seinem TED Talk3, was heute in verschiedenen Mainstreammedien, und auch mittlerweile in der Politik erkannt wurde.

Pariser beschreibt in seinem Talk, dass schon 1915 die Rolle der Zeitungen entscheidend war für die politischen Ereignisse. Die damaligen Redaktionen und auch weiterhin die Redaktionen der letzten 100 Jahre haben sich auf ethische und einige andere Filtermechanismen berufen, die aus ihrer Sicht wichtig für die Identität ihres Mediums waren. Wenige ließen diese ethischen Gesichtspunkte nahezu komplett durch finanzielle Gesichtspunkte unter den Tisch fallen und produzierten nur was verkauft werden konnte. Doch dies war kein Vergleich zu dem was heute in Form von Filterung in den Sozialen Medien passiert.

Facebook und Google füttern uns mit Informationen, die zu unserer Weltsicht passen. Ihre Algorithmen entscheiden, was wir im Netz zu lesen bekommen. Wie kann man die „Filterblasen“ zum Platzen bringen? 4

Es ist fantastisch, dass die Filterblase wirklich Wahrnehmung der Dinge jenseits unserer direkten Realität und Umgebung einschränken kann, gepaart mit augmented virtual reality entsteht daraus eine weiter reduzierte wahrgenommene Wirklichkeit. Zwar heißt "augmented" eigentlich erweitert, allerdings bezeichnet dies lediglich die durch technische Daten oder optische Einblendung und durch die Berechnung von Zusammenhängen erweiterte visuelle virtuelle Realität. In der realen, faktischen Realität wird Information gefiltert und reduziert, zum Beispiel die tatsächliche grafische Auflösung der Realität heruntergerechnet auf FullHD, Fakten in von Computern erfassbarer Form werden als Schrift dargestellt / eingeblendet, was auch die optische Wahrnehmung der Realität weiter behindert, die Wahrnehmung wird auch noch gefiltert durch die Algorithmen der zugrundeliegenden Technik etc. letztlich also denaturalisiert und zerkleinert und zu visuellen Fakten kondensiert, die Platz in einem Bruchteil des menschlichen Gesichtsfelds haben. Außerdem werden etliche Qualitäten und emotional erfassbare Zusammenhänge aus dem Bild gelassen, der Raum auf zwei Dimensionen reduziert etc etc.

Dies ist keineswegs eine Kritik oder Verteufelung von der Technik, genau wie ein Messer nichts an sich Böses ist, ist selten eine Technik so (außer vielleicht Nuklearenergie5 6 7).

Aber sowohl der technische Filter durch die Anbieter der WWWservices als auch die grafischen Zwischenschritte zu unserer Wahrnehmung sind Werkzeuge, die viel Schaden anrichten können, da sie die Realität weiter entmenschlichen. Sie sollen unser Leben leichter machen, uns befreien, uns gar glücklicher machen und führen dabei möglicherweise zu mehr Abhängigkeit, Wahrnehmungsdefizit und Inhaltsleere.

Wenn wir unser Urteil bilden, entsteht zuerst immer ein Vorurteil. (Wie mein obiges Urteil über die Technologie jedoch nicht mehr erstes Urteil zum Internet bzw sozialen Medien war, ist es immer noch höchstens ein erweitertes Vorurteil) Dabei kommen uns bei der Weiterverarbeitung von zusätzlichen Informationen zum Beispiel der Confirmation Bias8 in den Weg. Wir begehen viele gedankliche Umwege um unsere Vorurteile zu verteidigen9, wobei wir jedoch oft logischen Fehlschlüssen unterliegen10 wir sollten also laut Jesse Richardson11 schon in der Schule lernen, unser Denken gegen solche Fehlschlüsse und gegen Vorurteile fit zu machen, indem kritisches Denken geübt wird.

Als eine Methode meiner Wahl, sehe ich hier die der Achtsamkeit12 in den Schulalltag. Achtsamkeit ist schon heute in der Therapie in Form von Mindfulness Based Therapy13 eine Haltung die jenseits von einer bestimmten Denkschule angewandt werden kann. Sowohl psychoanalytische, als auch verhaltenstherapeutisch arbeitende Therapeuten nutzen die Achtsamkeit als Methode um die Wahrnehmung der Realität in verschiedener Weise zu korrigieren. Vorurteile gegenüber anderen Menschen können zum Beispiel vermindert werden, wenn wir uns wirklich die Zeit nehmen den Anderen zu betrachten, ihm zuzuhören, ihn so wertzuschätzen wie er ist, ohne dem Drang ein Urteil fällen zu müssen zu folgen.

Achtsamkeit kann in der Handlung entstehen und wirkt hier besonders gut, wenn wir gemeinsam handeln und uns auf Neues einlassen.

Vorurteile abzubauen gelingt am ehesten, wenn man mit fremden Menschen an gemeinsamen Zielen oder Projekten arbeitet - und sie dabei besser kennenlernt.14

Dies ist ein Weg, der erst einmal bei fast allen Menschen auf gewissen Widerstand stößt, da es Angst macht, etwas Fremdes an sich heranzulassen, ein Prozess kann jedoch entstehen, der unser Leben bereichert. Dazu müssen wir jedoch die Filter fallen lassen, direktes Erleben üben und praktizieren.

Maja Storch zeigt in ihrem Buch über das Embodiment15, dass dieses Erleben Körpererfahrungen sind, dass Emotionen und emotionale Intelligenz nicht ohne den Körper stattfinden können. Der im ersten Kapitel federführende Co-author beschreibt, wie seiner Ansicht nach die künstliche Intelligenz wohl daran scheitert, einen Körper für die Wahrnehmung zu haben.

Echte Intelligenz erfordert Embodiment16

Fortschritt braucht Kooperation

Vorurteilsbekämpfung benötigt Zusammenarbeit. Das ist auch politisch ein Rezept um mit der Verführung der vorurteilsschwangeren Populisten umzugehen und die Herausforderungen unserer Zeit zu stemmen. Was passiert wenn wir uns unseren Vorurteilen ergeben und uns nur kurzzeitig auf sie stürzen um sie zu nutzen wie dies im Journalismus auch heute noch häufig geschieht zeigen David Ehl auf Perspective daily17 oder Rob Wijnberg von De Correspondent18 Beide versuchen auch Möglichkeiten aufzuzeigen, die von ihnen beschriebene Katastrophe abzuwenden. Alle Lösungen beinhalten eine breite Kooperation über verschiedene Lager hinweg. Diese Kooperation kann uns zusammenbringen und die Wunden heilen lassen, die durch Selbstsucht, Geldgier und Machthunger gerissen wurden.

Wir werden dann sehen, dass es unter den Managern, solche gibt, die nicht gierig sind, sondern wie sie zum Beispiel Purps-Pardigol beschreibt19 Solche die sich nicht an dem finanziellen Profit orientieren, sondern sozusagen menschlich arbeiten.

Wir könnten darauf stoßen, dass es Fußballspieler wie Yuto Nagatomo gibt, der nicht nur aufgrund seiner Herkunft ein Klischee sprengt, sondern auch zwei Bücher geschrieben haben soll.20

Wir werden finden, dass es unter den Mädchen oder Frauen solche gibt, die mit ihrer Mathematik die Welt verändern, wie zum Beispiel Maryam Mirzakhani. Dass diese aus einer muslimisch geprägten Kultur stammende Frau als gebürtige Iranerin auch im Iran ihre mathematischen Fähigkeiten entwickelte und dort auch als Mädchen gefördert wurde, sollte gleich mehrere Vorurteile aufweichen. Fantastisch ist auch ihre Integrationsleistung, für die sie mit der Fields-Medaille21, dem sogenannten Nobelpreis für Mathematik22 geehrt wurde indem sie mehrere Mathematischen Disziplinen zur Bewältigung einer Herausforderung vereinte.23

Gemeinsam ist diesen Personen verschiedenes: Sie sind Teamspieler, vereinen in sich Gegensätzliches, haben die Fähigkeit auf andere Menschen zu achten und verschiedene Fähigkeiten in ihrer Persönlichkeit zu kennen und zu nutzen. Auch in unserer deutschen Gesellschaft haben wir immer wieder gezeigt zu welchen positiven wie negativen Leistungen wir im Stande sind, wenn wir uns vereinen auf ein gemeinsames Ziel. Es liegt an uns, ob wir der guten Seite folgen und uns für ein positives Ziel entscheiden, oder ob wir der dunklen Seite der Macht folgen, uns zersplittern und gegenseitig zerfleischen, indem wir uns gegen bestimmte Gruppen, zum Beispiel Flüchtlinge, Muslime, Frauen, Homosexuelle etc abkämpfen. Eine Einigung zu einem Grundkonsens in einer Demokratie ist immer eine Leistung die uns fordert, aber auch weiterbringt, wenn wir diese Leistung als Integrationsleistung begreifen können. Das ist harte Arbeit die sich auszahlt. Thich Nhat Hanh beschreibt es so:

In Zeiten des Krieges
lass in dir den Geist des Mitgefühls entstehen.
Hilf den Lebewesen,
überwinde den Wunsch zu kämpfen.
Wo immer die Schlacht tobt,
Nutz all deine Macht,
die Kräfte beider Seiten gleich zu halten
und tritt ein in den Streit, um zu versöhnen
Vimalakirti Nirdesa Sutra24

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