Mut-Tour

Schön, dass mal wieder jemand über Mut berichtet, Ich habe mehrfach in Kommentaren über Mut geschrieben,
https://perspective-daily.de/article/307/oSXkd5Bs
Zu dem Artikel:
Die Erforschung der Behandlung von Depressionen ist erschwert, weil es immer um unterschiedliche Menschen geht, die Gemeinsamkeiten in der Symptomatik haben, aber oft komplett unterschiedliche Lebensabschnitte, gesellschaftliche Faktoren, Familienzusammensetzung, Ernährungsgewohnhheiten, etc etc haben.
So kann man auch den Bewegungsmangel als Ursache widerlegen, wenn man Fußballprofis mit Depression behandelt, oder perfekt ausgewogen ernährte, von Drogen und Alkohol abstinente Menschen.
Spannend, dass gerade am 26.7. im (SWR2 Tandem)[https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/tandem/das-leben-wiederfinden... Viktor Staudt interviewt wurde (der Autor von (Die Geschichte meines Selbstmords)[https://www.droemer-knaur.de/autoren/7986225/viktor-staudt]) Staudt beschrieb in dem Interview ganz gut, nicht nur die Symptome von Depression, sondern auch die damit häufig zusammenhängenden Ängste, und das Wort Akzeptanz.
Deshalb ist es genau richtig eine Mut-Tour zu machen.

Und: mich würde brennend interessieren, ob es hier im Forum Ideen zu der Entstehung von Depression oder Wege aus ihr heraus gibt.

There are 4 Comments

Liebe LeserInnen,
Ich bin Systemische Therapeutin und habe bei meinen Klientinnen gute Fortschritte erleben dürfen, wenn ich folgende Therapie-Formen angeboten habe;

1. Systemisch erforschen, welche vielleicht auch verstörenden Erlebnisse im Lebensverlauf da waren und wie die Bindungen gewesen sind bzw. im aktuellen sind.
Dann kann systemisch verarbeitet und neue Wege im Hier und Jetzt gestaltet werden.

2. Weiter empfinde ich das EMDR
( Methode aus der Traumatherapie) sehr hilfreich, da es gute Ansätze für die Depression- Therapie bietet. Zusätzlich kann hier aktuelle Schuld- und Schamgefühle verarbeitet werden, die ja oft entstehen.

3. Weiter ist die Klinische Hypnotherapie eine sanfte und sehr stützende Methode, um innere Lösung Strategien zu finden und / oder tiefe Entspannung erfahren zu können, was ja auch oft nicht gelingt.
Meditation und Yoga können zusätzlich hilfreich sein, sowie Gesang.

4. Ich arbeite gerne mit Ärzten zusammen, die die TCM und Akupunktur gelernt haben, da dies in Akutphasen sehr regulieren wirkt.

Ich hoffe, dass dies einige neue Aspekte bringt. Leider bezahlen die Kassen vieles davon nicht.
Mit Gruß
Susanne Prött

Bild des Benutzers dgermer

auch wenn hier eher Personen angesprochen werden sollten, die selbst von Depression betroffen sind. Als klinisch tätiger Arzt kenne ich als wirksame Methoden natürlich die Verhaltenstherapie und die tiefenpsychologisch fundierte Therapie mit ihren vielfältigen Facetten.
Auch in der klinischen Arbeit können wir durch systemische Ansätze eine Bereicherung der Therapie schaffen, insbesondere die Einbeziehung des familiären Umfelds ist hier natürlich bei Kindern und Jugendlichen sinnvoll und wichtig.

Die Entstehung meiner Depression ist mMn durch lebensgeschichtliche Ereignisse in meiner Kindheit begründet. Meine als tief traurig erlebte Mutter, die aufgrund wirtschaftlicher Zwangs und Abhängigkeitslage unglücklich an der Ehe mit einem frustrierten und jähzornig agierenden Ehemann festhielt, war als Rollenvorbild für mich als Mädchen nicht von Vorteil. Der ambivalent agierende Vater, der mich als Erstgeborene einerseits mit einer Affenliebe überhäufte und andererseits massiv entwertend behandelte, wenn ich nicht seinen Vorstellungen entsprach, und der schlussendlich mich als Tochter ab dem 12 Lebensjahr mit sexuellen Handlungen -verbrämt als „Einführung ins Leben“ - psychisch und körperlich missbrauchte. Stets hatte er gedroht, wenn ich mich meiner Mutter oder Dritten anvertraute, würde ich damit die Familie ins Unglück stürzen.
Als ich 16-jährig endlich (!) drohte, ihn auffliegen zu lassen, liess er von mir ab. So konnte ich mich zwar spät und voller Schuldgefühle aus dieser Zwangslage frei machen, aber die Erfahrung der frühen Pubertätsjahre beeinflussten alle meine Lebensentscheidungen und beeinträchtigen mich über Sechzigjährige bis heute.

In schwierigen Lebenslagen, z.B. in den Mittzwanzigern in einer unglücklichen und dann gescheiternden ersten Ehe, in der Midlife-Crisis ab 50 und auch heute nach Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben sind Selbstzweifel, Hadern mit meinem Schicksal sowie die begleitenden Ohnmachts- und Sinnlosigkeitsgefühle Teil meines Seelenlebens geblieben, deren Entstehung ich auf die Missbrauchssituatiion zurückführe.
Damals lernte ich diese Gefühle erstmals kennen, damals versuchte ich die gefährlichen Situationen zu kontrollieren - so gut ich konnte - und potentiell brenzlige Lagen zu vermeiden, was mir oft nicht gelang. Und ich lernte schlussendlich, dass ich stark genug wurde, um mein Elend zu beenden.

Zwei Psychotherapeutische Behandlungen halfen mir, Zusammenhänge zu erkennen sowie Handlings- und Denkmuster zu üben, um aus den tiefen Kellern der depressiven Episoden herauszufinden. Auch mit SSRI-Medikation habe ich Erfahrungen gemacht.

So wurde ich schließlich eine selbstbewusste, nach außer stark erscheinende und durchsetzungsfähige Frau. Ich errichtete um mich eine hohe und dicke Mauer der Unnahbarkeit, die mich vor Zudringlichkeiten bewahrte. Nur die allerengsten Familienangehörige und Freunde haben hinter diese Fassade geschaut und das arme „Würstchen“ erblickt, als das ich mich manchmal fühle.

Ich gehe heute davon aus, dass die Depression zu meinem Leben gehört, weil die seelische Verletzung, die ich erlitt, nicht heilbar ist. Die Erschütterung des Vertrauens hat diese tiefen Spurrillen in meinem Denken eingegraben, in die ich immer mal wieder zurückfalle. Ich verlasse mich nicht auf andere Menschen, nur auf mich. Ich stoße andere Menschen manchmal von mir weg; aber ich kann so nicht enttäuscht werden, wenn ich nichts erwarte.

Aber es gibt halt auch das Morgen und das Übermorgen, nach dem Akzeptieren der Traurigkeit, geht das Leben auch weiter und es gibt Tage und Wochen, an denen ich mich über Erreichtes freuen, Erfolge feiern und schöne Dinge geniesse kann. Bis zu den nächsten „Würstchen“-Tagen.

Bild des Benutzers dgermer

für den sehr offenen und persönlichen, hier zeigt sich eine gewachsene Stärke, zu der eigenen Geschichte auch zu stehen, ich empfinde es als Bereicherung, solche Berichte zu lesen. Gleichzeitig kommt auch eine tiefe Traurigkeit und Wut zum Vorschein in dem was Sie schreiben, Ich habe in der Behandlung meiner Patienten manchmal den Satz: "Es ist nie zu spät eine glückliche Kindheit zu haben." (von Milton H. Erickson) ausgesprochen. Ich bin mir dann allerdings sehr wohl bewusst, dass sich diese Neubewertung umsetzen lässt, dass es allerdings auch insbesondere mit solch dramatischen vielfachen Traumatisierungen, wie Sie sie beschreiben, häufig erst einmal zu einer Abwehrbewegung kommt: "Wenn Sie das erlebt hätten, was ich erlebt habe!"

Wir können allerdings auch sagen, dass alles was in der Vergangenheit passierte, auch mögliche positive Dinge in der Gegenwart bewirkte. Wir können schließlich keinen Teil unserer Vergangenheit wirklich abspalten und von unserem jetzigen Wesen trennen, auch nicht von unseren jetzigen positiven Anteilen.

Es braucht wirkliche Größe um dann in Dankbarkeit für das Geschehene die Gegenwart zu genießen und hier bin ich mir bewusst, dass es leicht falsch verstanden werden kann, wenn etwas hier in einem teilweise anonymen Forum kommentiert wird.

Vielen Dank deshalb für diesen mutigen Beitrag, Sie sind sicher kein Würstchen, sondern mindestens eine ganz große Portion "Bratwurst mit Sauerkraut" (Kasperl und Seppels Lieblingsspeise), und ein sehr mutiger Mensch, denn Sie zeigen, dass das Leben möglich ist, dass das Genießen möglich ist und dass Freude möglich ist.

Möge Ihr Beitrag vielen anderen auch als Inspiration und Bereicherung dienen.

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