Keine Frage der Schuld

Dieser Blogeintrag ist eine Erweiterung einer Antwort in einem Forum zu dem Artikel "Eines war in München sicher: Einer ist immer schuld" auf Perspective Daily1 Die Diskussionen zu den Artikeln dort sind in der Regel fruchtbar und die unten genannten Punkte sind so meine Quintessenz aus den Punkten der Autoren und Leserkommentare.

Der Artikel kann kostenlos gelesen werden. Der Kommentar ist eine Antwort auf den Kommentar eines anderen Mitglieds von Perspective Daily, das kommentierte mit dem Titel:
Im Problem liegt niemals die Lösung.
Da hier von der neurologischen Seite ausgehend, die Psychoanalytische Herangehensweise kritisch erwähnt wird und wir lösungsorientiert handeln möchten, will ich als psychoanalytisch arbeitender Arzt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) direkt auch hier einhaken und nachlegen. Ich finde den Vergleich eines streitenden Ehepaars nicht schlecht für eine Ausgangsdiskussion unserer Lage, es geht allerdings weiter, denn wir sehen in der KJP dann vor allem die leidenden Dritten, interessanterweise stellen sich die Kinder oft die Schuldfrage und wir müssen diese von ihnen lösen.

In meiner Arbeit treffe ich täglich auf ähnliche Probleme, (nur) die Kinder sind auf Station, aber die Familie ist krank, uns bleibt aber nichts anderes übrig als bei bei den Kindern anzusetzen. Dazu arbeiten wir mit verschiedenen Methoden:

Kooperativ handeln

Denn alleine geht es nicht, wir brauchen für unsere Behandlung des Patienten Menschheit beziehungsweise unserer Probleme eine Kooperation, das beginnt mit dem Eingehen auf die Bedürfnisse anderer.
Hier brauchen wir Kompetenzen, ich sehe es sehr positiv, wenn wir auch mehr Firmen in einem integrativen oder kooperativen Führungsstil sehen. Siehe zum Beispiel [https://kulturwandel.org/unternehmen-des-gelingens/] aber auch kooperative Unternehmen zum Beispiel die GLS Bank 2 oder Crowdfunding Projekte wie Perspective Daily tauchen vermehrt auf und gewinnen an Einfluss.

systemisch denken

Nicht einer ist schuld, sondern es gibt systemische Zusammenhänge die sich gegenseitig bedingen und verstärken, unheilsame Verbindungen aufrechterhalten.
Das heißt auch auf unsere Gesellschaft bezogen, in meiner bescheidenen Meinung, dass eine wirkliche Demokratie nicht entstehen kann, wenn nicht die Unternehmen demokratische Werte und Verpflichtungen nachkommen (wieder kooperativ v.s. Shareholder-value-driven) Wobei idealerweise, wenn die Shareholder nicht mehr betriebsökonomisch, sondern volksökonomisch (wie zum Beispiel Götz W. Werner vorschlägt3.) oder glücksökonomisch, also jenseits von (kurzfristigem) Gewinndenken

Bedürfnisorientiert kommunizieren

Auch das beschreibt die Kommentatorin, es geht um Kommunikation, keine (Schuld-)Zuschreibungen, sondern so wie zum Beispiel Marshall Rosenberg in seiner gewaltfreien Kommunikation4 (siehe auch Carl Rogers5
oder Viktor Frankl6)

Auf Basis der Freiwilligkeit der Patienten

Das heißt, auch zum Beispiel auf das Thema Bevölkerungsreduktion nur mit der freiwilligen und willentlichen Beteiligung der betroffenen Bevölkerung

Klare Regeln vereinbaren, die für alle gelten

Zum Beispiel darf auch der Therapeut keine Grenzen überschreiten (Zimmer unangekündigt betreten, ohne Einwilligung den Patienten berühren etc)
Ich würde mir vorstellen, dass dies in der Weltpolitik dazu führt, dass eine ganz klare Regelung bei militärischen oder anderen invasiven politischen Optionen getroffen wird, die durch niemanden gebrochen wird.

Zwangsmaßnahmen im Notfall

  1. in extremen Ausnahmefällen,
  2. die Maßnahmen sollen jedoch die Würde und körperliche Unversehrtheit bewahren
  3. unter sehr streng kontrollierten Bedingungen

Tiefenpsychologisch fundiert oder psychoanalytisch

Dabei muss gesagt werden, dass dies nicht auf die Verhaltensebene sondern auf die Gefühlsebene trifft, es geht auch hier nicht um Schuldfrage, sondern eher um eine Verständnis des zugrundeliegenden Prozesses

Mit Achtsamkeit

Eine große Zahl unserer heutigen Probleme liegt versteckt in dem unbewusst gebliebenen, Achtsamkeit hilft nicht nur in der eigenen Persönlichkeitsentwicklung, sondern auch und vor allem beim interpersonellen und auch internationalen Austausch zwischen Menschen. Etliche Firmen haben es schon kapiert, sie nutzen das was aus den großen spirituellen Traditionen der Welt nicht wegzudenken ist: Achtsamkeit. Jetzt-sein. Nicht-Urteilen.

Während all diese Punkte für mich als erstes zu üben sind, und ich mit mir selbst anfangen soll, fange ich doch gleichzeitig an, auch das bescheidene Wissen was mir davon bekannt ist weiterzugeben. Wenn wir nicht praktizieren, was wir vermitteln wollen, wie soll sich dann die Welt ändern? So auch die großen Religionen und spirituellen Lehren: "Be the change you want to see in the world", "Hilf dir selbst und dir hilft Gott", "Gewiß, ALLAH ändert nichts von dem worin Menschen sind, bis sie das ändern, was sie in sich tragen." oder auch die westliche Philosophie im Kant'schen kategorischen Imperativ oder im ethischen Imperativ Försters

Zusammengefasst - Wu Wei

Brauchen wir also eine richtende Institution die über uns steht? Im Gegenteil, meiner Ansicht nach brauchen wir nicht "eine objektive für alle geltende Ethik, die über den Geschehnissen steht und somit über sie richten kann." Sondern eine Ethik, die aufhört zu richten, wir finden diese in den meisten gewachsenen spirituellen Traditionen der Welt, in Religionen und Philosophien. Eine Ethik die darüber steht und nicht richtet, denn was kann gerichtet werden, wenn wirklich umfassend beobachtet wird und jeder Aspekt jeder Entscheidung jedes Teilnehmers eines Prozesses "verstanden" wird?
Verstanden im Sinne von Verständnis haben ist das was tiefgründiges Nachdenken oder Durchdringen zutage bringen sollte, damit entsteht eine Ethik des wertschätzenden Handelns, die kein Richten braucht.
Das klingt auch schon wieder so idealistisch, nur können wir damit anfangen, wir haben das Szepter in der Hand, viel mehr als eine idealistisch gedachte Institution die über allem steht und richten kann.
Dieses ist ja ein altes Dilemma, was insbesondere in den monotheistischen Religionen verarbeitet wird: Ist die unabhängige, über allem stehende Institution (Gott, Yahwe, Allah) eine richtende, strafende, die alles zulässt was geschieht und nach dem Tode die umfassende Gerechtigkeitsethik anwendet, jedem wie es ihm zusteht? Ist es eine Welt die letztlich durch uns nicht zu beeinflussen ist, da alles festgeschrieben ist - ob wir gut oder schlecht sind sei unserem "Schicksal" überlassen.
Oder ist eben diese Institution eine allbarmherzige, vergebende, allumfassende (Gott, Yahwe, Allah) die in Kommunikation mit den Menschen steht und aushandelt wie es weiter geht mit jedem Schritt, die dem Menschen Entwicklung ermöglicht und dabei die Allmacht bewusst im Prozess einsetzt oder zurückhält in einem Bewusstsein, dass alles schon im Diesseits letztendlich durch die im Menschen innewohnende Weisheit zum Guten sich wendet?
Die Taoisten kennen eine weise Antwort darauf: Wu Wei 7 Dieses Prinzip ist auch in dem Satz "Gewiß, ALLAH ändert nichts von dem worin Menschen sind, bis sie das ändern, was sie in sich tragen." enthalten. Änderung entsteht im Inneren des Menschen nicht durch eine Gewalt, durch Verurteilung und durch ein Richten, sondern durch die feine Beobachtung und das achtsame Betrachten und Durchdringen. Werner Bock wiederum hat dies in seinem wohl bekanntesten Satz ausgedrückt: „Was ist, darf sein, und was sein darf, kann sich verändern.” Siehe auch in der Erläuterung Staemmlers8

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